Geister in der Bel Étage

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich das erste Obergeschoss größerer Gebäude als Piano Nobile oder Bel Étage zu einem Ort der Repräsentation von Geschmack, Macht und Weltläufigkeit. Auch die Prunkzimmer in Schloss Esterházy dienten diesen Zwecken. Sie wurden dem Zeitgeist entsprechend immer wieder neu arrangiert, um wechselnde Atmosphären zu bieten. Die Ausstellung „Geister in der Bel Étage“ versucht, ihre teils exotischen, teils unheimlichen Erzählungen im Dialog mit zeitgenössischen Kunstwerken neu zugänglich zu machen.
Zur Ausstellung geladen wurden die vier Gewinnerpositionen des Esterhazy Art Award 2025. Der Esterhazy Art Award gilt als der führende ungarische Kunstpreis und wird seit 2009 alle zwei Jahre im Rahmen einer großen Ausstellung in Budapest vergeben. 2025 gewannen ihn die Künstler EJTECH & Tamás Melkovics, Gábor Koós, Gábor Pap und Dorottya Vékony. Ihre eigens für Schloss Esterházy geschaffenen Kunstwerke werden nun zu temporären Resonanzkörpern, zu Echos oder zu erhellenden Spiegelungen der Historie.
Die Beschriftung der Werke erfolgt in Form von runden und halbrunden Bodenmatten, die, angelehnt an den Stil des orphischen Kubismus, Formen und Farben der Moderne in die historischen Räume bringen. Mit diesem kontrastreichen Ansatz führt die Schau „Geister in der Bel Étage“ eine hauseigene Display-Tradition fort, die bereits die Dauerausstellung „Haydn explosiv“ erfolgreich etabliert hat. Geschichte zeigt sich auf diese Weise weniger als Museum denn als kontinuierliche Revolution.
Eine repräsentative Enfilade
Die Prunkräume des Schlosses Esterházy

Die Abfolge der Prunkräume im südlichen Piano Nobile war einst zweigeteilt: Auf der östlichen Seite lagen die privaten Räume des Fürsten, auf der westlichen Seite jene der Fürstin. Jeder hatte damit eigene Schlaf- und Gesellschaftsbereiche. In der Mitte hingegen traf man sich im „Tafelzimmer“ zum familiären Essen oder zum Vergnügen im „großen Spielzimmer“.
In vielen der Räume haben sich noch die originalen Holzböden bewahrt. Über 200 Jahre alt, zeigen sie sich in warmen Farbtönen und einem Muster, das Nuss- und Eichenholz kunstvoll miteinander verbindet. Auch die hellen, freistehenden Kachelöfen aus der Zeit des Klassizismus ziehen sich durch etliche der Räume. Die übrige Ausstattung hingegen wurde, dem Zeitgeist entsprechend, oft neu arrangiert, um wechselnde Atmosphären zu erzeugen.
Foyer der Prunkräume

Bühne der Ankunft
Das Foyer der Prunkräume war einst Bühne und Parkett zugleich, ein Ort, an dem Blicke sprachen und Seide rauschte. Auch heute dient der Raum bei Veranstaltungen noch als gesellschaftliche Drehscheibe. Gleichsam als Begrüßungskomitee erwarten Sie im Foyer große Ganzkörper-Porträts in ganz unterschiedlichen Garderoben.
Lichterscheinung im Foyer
Licht, immateriell und allgegenwärtig, wird nur dann wahrnehmbar, wenn es von den umgebenden Oberflächen reflektiert wird. Mit seiner Intervention am zentralen Luster des Foyers lenkt das Künstlertrio die Aufmerksamkeit auf die immateriellen Kräfte, die Wahrnehmung und Erfahrung ständig prägen.
Judit Kárpáti (* 1989, Miskolc) und Esteban de la Torre (* 1984, Ciudad de México) bilden seit 2014 das Künstlerduo EJTECH und arbeiten mitunter gemeinsam mit dem Bildhauer Tamás Melkovics (* 1987, Székesfehérvár) an Rauminstallationen, die Materien als lebendig begreifen und neue Rituale aus dem Zusammenwirken von Technologie und Spiritualität entstehen lassen.

Naturgeist
Wie die Figur Kaonashi (jap.) ähnelt die Maske von Tamás Melkovics einem psychischen Spiegel, der die Ängste, Wünsche und inneren Wahrheiten des Betrachters sichtbar machen kann. Das Gesicht ist aus poliertem Messing, die Haare sind aus Schnüren mit Muscheln und anderen gedrehten Objekten gefertigt.

Gewölbte Galerie

Dialog mit dem Himmel
Vom Foyer aus führt ein schmaler, gewölbter Gang zur Südseite des Schlosses. Ganz am Ende der Galerie öffnet sich über der Fensterzone eine kleine Kuppel, die den Blick nach oben zieht und gefangen nimmt. Die Fresken, die hier ihre Farben entfalten, stammen noch aus der Barockzeit. Sie zeigen nicht nur Götter und Gestalten, sondern verkörpern Ideen: den Sieg, die Malerei, die Baukunst und die Gerechtigkeit. Bis heute erzählt die Gewölbemalerei davon, wie sich Macht und Schönheit einst begegneten: auf Augenhöhe mit den Göttern
Türme und ihre Schatten
Die Zusammenstellung in den beleuchteten Vitrinen und Glasboxen ähnelt einer barocken Kunst- und Wunderkammer: Die ganze Komplexität der Welt erscheint darin zu einem handlichen Mikrokosmos komprimiert. Einige der gezeichneten Schatten-Türme erinnern an den Bergfried der Burg Forchtenstein, andere an den Turmbau zu Babel. Die bemalten Leinwandobjekte wiederum türmen Skizzen von Erinnerungen zu einem Gebirge auf.
Die Werke von Gábor Pap (* 1991, Szentes) kreisen um die Erosion von Sensibilität und Vernunft, um die zerstörerische Natur des Menschen und – ähnlich wie die These vom „kosmischer Dreck“ des Regisseurs Béla Tarr – um das Bewusstsein einer „Erbsünde“.


Das chinesische Kaminzimmer

Reise in einen fernen Garten
Im 18. Jahrhundert träumte sich der europäische Adel oft in exotische Welten. Speziell das ferne China entfachte eine große Sehnsucht. Um diese zu stillen, wurden vielfach ganze Räume mit entsprechenden Tapeten und importiertem Porzellan ausgestattet.
Im Schloss Esterházy haben sich gleich fünf Zimmer erhalten, in denen originale Stoff- und Papiertapeten aus China die Wände kleiden. Auch das einstige Kaminzimmer des Fürsten trägt solch ein exotisches Gewand. Es umhüllt den kleinen Raum vollständig mit Szenen aus einem chinesischen Garten, der mit seinen offenen Terrassen, seinen bizarren Steinen und knorrigen Bäumen, seinen Bonsais und Lotuspflanzen in Töpfen so ganz anders war als die europäischen Anlagen jener Zeit. Im Vordergrund wiederholen sich dreierlei Kinder-Szenen.
Vor Ort werden die kostbaren Papiere von geschnitzten oder gemalten Ornamenten umrahmt, die die Schlichtheit des chinesischen Blau-Weiß-Porzellans imitieren. Auch die Sitzmöbel des Raums wurden auf dessen gelassene Farbwelt abgestimmt.
Pro-Habiting
Die Fotofolie in der Leuchtbox zeigt aus einem diffusen Nebel andrängende Blätter, die sich zu einem Gesicht formen. Die grünen Blätter gehören zu Pflanzenarten, die aus Asien nach Europa importiert wurden und sich seither zu proaktiven und oft kontroversen Akteuren im lokalen Ökosystem entwickelt haben. Vor Ort im „Chinesischen Kaminzimmer“ blickt der pflanzliche Neu-Bürger die Besucher des Schlosses herausfordernd an. Denn das fremde Gesicht ist zugleich ein Wiedergänger der chinesischen Gartenszenen auf den umgebenden Tapeten.
Dorottya Vékony (* 1985, Debrecen) beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen der Fruchtbarkeit und Reproduktion – sowohl bei Menschen als auch bei Pflanzen. Ihre Rauminstallationen zeigen eine Zukunft, in der biologische und gesellschaftliche Normen verschwimmen und menschliche Eingriffe die Natur stark verändern.

Der Spiegelsaal

Heiterer Raum der Mitte
Im Herzen des Schlosses traf sich die Gesellschaft zu heiteren Spielen, angeregten Gesprächen und glanzvollen Abenden. Ein Billardtisch gab im 18. Jahrhundert dem Raum seinen einstigen Namen: „Das große Spielzimmer“. Als 1897 ein klassizistischer Balkon vor die barocke Schlossfassade gestellt wurde, nannte man den Saal schlicht „Balkonzimmer“. Doch vor Ort erzählt er eine ganz andere Geschichte: Die weißen Holzpaneele an den Wänden zeigen unterschiedliche Musikinstrumente und erinnern an vergangene Konzerte. Die prachtvollen Rahmen der Gemälde werden von goldenen Schleifen bekrönt, drei große Fenster und zwei opulente Spiegel sowie elegante Tisch-Ensembles verleihen dem Raum eine lichte Grandeur. Kein Wunder, dass sich bald ein neuer Name etablierte: „der Spiegelsaal“.
Gefaltete Zeiten
Die Fenster des Spiegelsaals blicken auf eine Landschaft, die uns meist gleich erscheint, sich tatsächlich aber ständig verändert. Solcherart vielschichtige Zeitlichkeit beabsichtigen die Vorhänge von EJTECH erhellend zu rahmen. Während sich der drapierte Stoff unter dem Einfluss von Licht immer wieder anders entfaltet, spiegelt er zugleich die Geschichten wider, die in der umgebenden Architektur verborgen sind.

Der Rote Salon

Wo die Vergangenheit flüstert
Im Roten Salon weht ein Hauch von versunkener Kaiserherrlichkeit. Früher war es das intime Refugium der Esterházy-Fürstinnen. Gelbe Textilien ließen das halbprivate Sitzzimmer neben dem Schlafgemach hell strahlen. Erst um 1850 hielt die heute namensgebende Farbe Einzug. Die roten Seidentapeten mit ihren silbernen Akanthusblättern stammen vermutlich aus den berühmten Manufakturen Lyons. Doch was einst prunkvoll war, wirkt nun unheimlich: Die dunklen Blicke auf den historistischen Gemälden, die Fotografie der Kaiserin Sissi im Trauerkleid, die Schwere der Farben – sie weben eine Aura, die unter die Haut geht.
Vielleicht ist es genau diese Melancholie des Vergangenen, die den Roten Salon so besonders macht. Hier, zwischen den prachtvollen Wänden, liegt ein Flüstern in der Luft. Als ob die Geister derer, die hier ein- und ausgingen, noch immer durch die geöffnete Tapetentüre schweben.
Großer Chinesischer Salon

Raum der hellen Stille
Still und hell ist hingegen der nächste Raum: der „Große Chinesische Salon“. Einst war er das Schlafgemach der Fürstin und vollständig in Blau ausgestattet: von der Wandbespannung über das Baldachinbett bis zu Vorhängen und Möbelbezügen.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden die von weißer Rokoko-Täfelung umfassten Spiegel und die kostbaren chinesischen Papiertapeten hier zusammen. Seitdem gleicht der Raum einer luftigen Voliere. Unzählige exotische Vögel beleben die Wände – Amseln, Reiher, Papageien, Kraniche. Auf den beiden großen Kandelaber-Säulen in den Ecken fliegen sogar einige Drachen. Ihre Säulenschäfte aus farbig glasierter Keramik stammen aus China, die goldenen Basen und Kapitelle hingegen wurden in Paris gefertigt. Durch seine Symmetrie strahlt der Raum trotz strotzender Fauna eine große Ruhe aus.
Präsenz und Echo
Die aus verschiedenen Raumornamenten und Körperpositionen zusammengesetzten Skulpturen entstanden mittels Photogrammetrie. Durchzogen von digitalen Systemfehlern spiegeln die räumlichen Abdrücke die Vielfältigkeit unserer Persönlichkeiten und die Schichtungen von Identität und Zeit wider. Vor Ort inszenieren die Skulpturen zudem epochenübergreifende Blickwechsel.
Bislang trat Gábor Koós (* 1986, Losonc) vor allem mit großformatigen Frottagen und abstrakten Holzschnitten an die Öffentlichkeit. Seine jüngsten Werke hingegen sind 3D-gedruckte, mit Epoxidharz gefertigte Raumskulpturen, die mithilfe von Photogrammetrie entstehen. Sie thematisieren Erinnerungen, Fragmentierung und das Unbewusste.


Empiresaal

Das ehemalige Tafelzimmer
Gleich nebenan lag der Speisesaal der Familie, im 17. Jahrhundert „Tafelzimmer“ genannt. Damals war der Raum noch mit barocken Fresken geschmückt. In der Zeit des Klassizismus wurde er mit Tapeten im pompejanischen Stil neugestaltet – alles darin erzählt von antiker Festlichkeit und römischer Macht. Selbst der Ofen ist mit tanzenden Mänaden, Flötenspielern und üppigen Traubengirlanden geschmückt.
Gedeckte Tafel im einstigen Speisesaal des Schlosses mit dem Majoratsilber der Fürsten Esterházy aus der Zeit um 1800 – dem größten weltweit als Ensemble erhaltenen Tafelaufsatz dieser Zeit.
Für ein Fotoshooting wurde die festliche Tafel im Jahr 2012 vor Ort rekonstruiert. Durch ihre prachtvollen Livreen war auch die einstige Dienerschaft geisterhaft zugegen.
