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Degustation

Degustation


Typografische Schablone (Leonardo, Donatello, Michelangelo) von Paul Busk, 2020

Ab 1803 veranlasste Fürst Nikolaus II. die Umgestaltung von Schloss Esterházy und des anschließenden Gartens in ein klassizistisches Gesamtkunstwerk. Auf dem ansteigenden Gelände entstand nach Plänen des Architekten Charles Moreau eine natürlich wirkende Berglandschaft mit einem Rundtempel und einem wilden Wasserfall, mit geschwungenen Wegen und mäandernden Wasserläufen in weiten Wiesenflächen. Typologisch imaginiert der Eisenstädter Park den Glücksort „Arkadien“. Arkadien galt bereits seit dem römischen Dichter Vergil als poetischer Hort einer zeitlosen, friedvollen Hirtenidylle. Dieses entrückte „griechische Hochland“ wollte der Fürst am Hang des Leithagebirges real werden lassen. Errichtet inmitten der politischen und sozialen Umbrüche der Napoleonischen Kriege (1800-1815), die auch vor Wien und Eisenstadt nicht Halt machten, war die Parkanlage nichts weniger als ein direkter Zugang ins Paradies, eine gebaute Weltflucht.

Um sich auf dieses Idyll auszurichten, beabsichtigte man sogar die Struktur des Schlosses komplett umzudrehen: Die Pläne des Architekten Moreau sahen eine prachtvolle Erschließung des Schlosses von der Rückseite vor. Heute zeugen davon noch die beiden umgebauten Nordtürme, ein gewaltiger Säulen-Portikus samt beidseitigen Auffahrten, sowie in der Erdgeschosszone eine „Sala Terrena“ (dt. Gartensaal / ebenerdiger Saal) mit Rundbogen-Arkaden. Solch ein offener Festraum war seit der Barockzeit in Schlössern sehr beliebt. Er ermöglichte einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen. In Eisenstadt wurden diese Arkaden jedoch über die Jahrzehnte allesamt zugemauert, resp. mit einem Glasportal verschlossen.

Das Kunstwerk SALA TERRENA, das anlässlich von HERBSTGOLD 2023 realisiert wurde, lässt die Offenheit dieser Zone wiederaufleben: Neun Laubengänge verbinden nun wieder Schloss und Garten. Auch wenn diese Öffnungen derweil nur grafische sind, so weisen sie doch einen anziehenden Weg. Das ornamentale Vorbild der Künstlerin Anna Artaker sind die perspektivischen trompe l’œuil-Elemente barocker Gartenkunst, die mit hölzernen Treillagen oder Zierspalieren große suggestive Wirkungen erzielten. Ausgeführt ist das Werk in Sgraffito-Technik, einem Kratzputz-Verfahren aus der Renaissancezeit. Das moderne Glasportal in der Mitte wurde entsprechend der perspektivischen Illusion mit bedruckter Spiegelfolie beklebt, die von innen durchsichtig ist. Dadurch ist der große Landschaftsgarten auch vom klassizistischen Schloss-Durchgang (heute Ausstellungraum von „Haydn explosiv“) wieder erlebbar. Ergänzend hat Anna Artaker auch auf der HERBSTGOLD-Bühne einen grafischen Laubengang platziert. Er leitet alle Besucher und Besucherinnen vom Vorplatz unmittelbar zu einem Sehnsuchtsort freier Wahl!